Antike Skepsis

CC StockSnap von Pixabay

Eine weitere wichtige Strömung in der Erkenntnistheorie war der Skeptizismus, der Sein und Schein zum zentralen Thema macht. Schon zu Zeiten der Vorsokratiker wurde darüber in breiten Kreisen diskutiert. Für Menschen ist es oft von existenzieller Bedeutung den Schein zu durchschauen und daher stellten Tragödien und Komödien gerne diese Problematik in menschlichen und göttlichen Beziehungen dar.

An der Akademie des Platon wurde das Denken darüber intensiviert. Der große Philosoph machte sich zwar selbst Gedanken zur Unterscheidung von Sein und Schein und zeigt beispielsweise in seinem Traumargument die Schwierigkeiten, doch die Bewegung der Skeptiker, die das in den Mittelpunkt ihres Denkens stellten, nahm erst einige Generationen nach dem Tod des Meisters Fahrt auf.

Das Traumargument diente als Vorlage für das Prinzip der Aparallaxie (gr. „Ununterscheidbarkeit“), das besagt, dass es zu jeder richtigen Vorstellung eine falsche gäbe, mit der sie verwechselt werden könne. Die Skeptiker gingen noch weiter und fragten, wie man überhaupt wissen könne, ob es ein Welt hinter unseren Vorstellungen gäbe.

Ein Beispiel für die Relativität, die aus der Skepsis entspringt, demonstrierte Karneades, der mit einer philosophischen Gesandtschaft im Jahre 156/157 v. Chr. nach Rom kam, um eine Strafe von Athen abzuwenden. Er hielt einen Tag eine Rede darüber, dass die Gerechtigkeit die Grundlage des römischen Gemeinwesens sei. Die Botschaft wurde freudig vernommen. Als der Grieche am nächsten Tag aber eine Rede hielt, in der er die Ungerechtigkeit als Grundlage des mächtigen Gemeinwesens ausmachte, hagelte es Kritik. Karneades verteidigte sich: ihm ging es gar nicht um irgendein politisches Programm. Er wollte nur das Isosthenie-Prinzip demonstrieren, also die Gleichwertigkeit der Standpunkte zeigen. Plutarch zufolge nahm Cato Maior diese Episode zum Anlass, um die Philosophie aus dem römischen Staat zu verbannen.

Um Anhänger für die Skepsis zu gewinnen, muss ein besonderer Weg eingeschlagen werden. Denn er kann nicht überzeugt werden – das würde wieder eine Theorie mit Wahrheitsanspruch benötigen. Er soll schlicht überredet werden. Auf diese Weise kann die Skepsis trotz ihres paradoxen Charakters bestehen.

Die Akademische Skepsis hatte ihre Hochphase von ca. 300 bis 150 v. Chr., doch sie war nicht die einzige Schule dieser Strömung. Die Pyrrhonische Skepsis erhielt den Namen ihres Gründers Pyrrhon von Elis, der ungefähr von 362 bis 270 v. Chr. lebte. Er stand im Ruf sich im Alltag konsequent jeden Urteils zu enthalten. Wahrnehmungen sollten nicht sein Verhalten beeinflussen.

Von ihm sind keine Schriften überliefert, sondern nur Anekdoten. Das Wissen über die Pyrrhonische Skepsis ist vor allem dem Werk des Sextus Empiricus (ca. 160-210) zu verdanken. Viele Anekdoten heben seine Unerschütterlichkeit gegenüber Ereignissen hervor. So soll er, als sein Lehrer Anaxarchos in einen Sumpf fiel, einfach seines Weges weiter gegangen sein, ohne den geringsten Versuch ihm zu helfen.

So eine extreme Art der Lebensführung führte nicht nur zur Bewunderung, sondern auch zu Spott. Lukian von Samosata verfasste hundert Jahre nach dem Tod Pyrrhons eine Satire, in der der Philosoph vor Gericht geladen ist, aber erst gar nicht erscheint, da es ein wahres Urteil nicht geben könnte.

In der akademischen Skepsis gab es trotz der radikalen Grundgedanken den Versuch, eine Erkenntnistheorie zu entwickeln. Es wurde ein probabilistischer Ansatz gewählt: Zwar ist sicheres Wissen unmöglich, dennoch sind einige Thesen glaubwürdiger oder wahrscheinlicher als andere. Wenn also eine Außenwelt existiert und wir Menschen einen Zugang zu ihr haben, dann ist es wahrscheinlich, dass einige unserer Ansichten wahr sind.

Der Pyrrhoneer Sextus Empiricus wehrte sich gegen diesen Gedanken und führt das Gleichnis von der Schlange und dem Seil an. Jemand, der versucht, Wahrscheinlichkeiten festzulegen, gleicht demjenigen, der in einem dunklen Haus ein Seil sieht und es für eine Schlange hält. Die Idee verwirft er, wenn er sieht, dass das Objekt lange bewegungslos verharrt. Mit dem Wissen, dass Schlangen im Winter in Starre verfallen, könnte er wieder von einer Schlange ausgehen. Berührt er den Gegenstand allerdings mit einem Stab, scheint es ihm wahrscheinlich, dass es keine Schlange ist…

Im Werk des Sextus findet sich eine systematische Darstellung der 10 Tropen des Ainesidemos, der zunächst ein Anhänger der akademischen Skepsis war, dann aber einen radikaleren Weg einschlug und als der Begründer des Neu-Pyrrhonismus gilt. Seine Tropen zeigen die Unsicherheiten des menschlichen Erkennens:

  1. Durch die Verschiedenheit der tierischen Organismen entstehen verschiedene Eindrücke und Vorstellungen zu einem Objekt.
  2. Auch die Menschen selbst unterscheiden sich darin, wie sie ein Objekt auffassen.
  3. Die Verschiedenheit der Sinneswerkzeuge erzeugt unterschiedliche Eindrücke.
  4. Unterschiedliche Zustände führen zu unterschiedlichen Bewertungen. Bin ich in Ruhe oder in Bewegung, müde oder hellwach – all das hat einen Einfluss, wie ein Objekt wahrgenommen wird.
  5. Verschiedene Stellungen, Entfernungen und Perspektiven beeinflussen ebenfalls das Urteil.
  6. Niemals wird ein Objekt isoliert wahrgenommen. Es wird immer mit anderen Eindrücken vermischt, die zu unterschiedlichen Urteilen führen können.
  7. Der Zusammenhalt, die Größe und die Menge der Dinge führen zu unterschiedlichen Eindrücken.
  8. Die Eigenschaften von Objekte sind relativ zu anderen.
  9. Die Häufigkeit der Wahrnehmung eines Gegenstandes verändert die Wahrnehmung.
  10. Das Sittliche und Gesetzliche wird unterschiedlich aufgefasst.

Die antike Skepsis wollte auf die Lebensweise einzuwirken. Sie empfiehlt eine Urteilsenthaltung, die „epochê“, die letztlich zur „ataraxia“, der Seelenruhe, führt. Im Gegensatz zur akademischen Skepsis wird von der pyrrhonischen Skepsis gefordert, dass die Erkenntnissuche weiter geführt wird. Denn ansonsten hätte man ein dogmatisches Negativ-Urteil gefällt. Die „epochê“ ist also kein endgültiger Zustand, sondern wird wiederholt vollzogen. Sextus vergleicht die sich einstellende Seelenruhe mit der Meeresstille, die einem großen Sturm folgt.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


− 1 = 7