Aristoteles – der erste Wissenschaftler

Aristoteles

Für Aristoteles war die platonische Ideenlehre nicht attraktiv, da er sie für eine unnötige Doppelung der wirklichen Welt hielt. Ihm missfiel ebenso, dass Objekte gleich einer Vielzahl an Ideen zugeordnet werden konnten. Der Mensch wäre nicht nur die Idee des Menschen, sondern auch die Idee des Zweifüßlers und die des Lebewesens.

Die Metaphysik des Aristoteles ist ein empirischer Realismus. Der Kern war die Lehre von den vier Ursachen:

Zuerst die materielle Ursache. Sie ist eine Abstraktion und kommt als reine Materie nie in der Realität vor, da sie nur die Möglichkeit zum Sein ist, zu der etwas anderes treten muss. Das lässt sich am Beispiel der Malerei verdeutlichen. Für ein Kunstwerk benötigt der Maler Farben. Nur wenn er Farben besitzt, kann er sein Gemälde malen, doch was er damit malt, wird nicht von den Farben bestimmt.

Daher muss die formale Ursache hinzukommen, die dem Stoff die Gestalt gibt.

Die Wirkursache ist der Grund für die Existenz. Am Beispiel des Gemäldes ist es der Maler. Er hat das Bild im Kopf und schafft es. Die Wirkursache ist immer extern, da sich kein Objekt selbst erschafft.

Die vierte Ursache war die Zweckursache. In unserem Beispiel könnte das Bild gemalt werden, um den Betrachter zu erfreuen. Der Zweck ist besonders wichtig, denn erst mit Blick auf diesen lassen sich das richtige Material und die richtige Form wählen. In der heutigen Zeit wirkt die Zweckursache sehr fremd, doch für Aristoteles und viele seiner Zeitgenossen war ein objektiver Zweck in der Natur offensichtlich.

Aristoteles könnte als erster Wissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker bezeichnet werden. Er beschäftigte sich mehr als sein Mentor Platon mit den Naturwissenschaften und wusste daher die guten Seiten der empirischen Wissensgewinnung zu schätzen. Erkenntnis wurde nach einem induktiv-deduktiven System gewonnen. Das heißt, dass ein Wissenschaftler zunächst Beobachtungen macht und aus den Einzelbeobachtungen lässt sich dann ein allgemeines Gesetz ableiten. Dieses Verfahren wird Induktion genannt.

Aristoteles unterscheidet zwei Methoden: Die enumerative (aufzählende) Induktion, die Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich macht und die intuitive Induktion, die notwendige Wesensgesetze mit epistemische Sicherheit liefern sollte. Für Aristoteles war die zweite Form die höherwertige, doch in der modernen Wissenschaft wird aus guten Gründen, die in den späteren Kapiteln erläutert werden, nur die erste Methode genutzt.

Erkenntnis wird über Wahrnehmen und Begreifen gewonnen. Wahrnehmen ist der Prozess, der über die Sinnesorgane vonstattengeht und der nicht falsch, bzw. nur im geringen Maße falsch sein kann. Erst mit dem Denken entsteht der Irrtum. Wie der Erkenntnisprozess von der Sinneswahrnehmung bis zur Konstruktion von Theorien im Detail aussieht, untersucht Aristoteles nicht. Für ihn ist es die Intuition, die Begriffe und Gesetze entdeckt. Dadurch mag er gegenüber Hypothesen vertrauensseliger gewesen sein, als sie es verdient hatten. In seiner Physik gibt es einige Thesen, die er anhand von Beobachtungen leicht hätte widerlegen können.

Von den allgemeinen Gesetzen können Einzelaussagen abgeleitet werden. Das nennt man Deduktion. Zu diesem Verfahren hat Aristoteles eine Schlusslehre entwickelt, die Syllogistik. Sie findet sich im Buch „Analytica priora“ in der Schriftensammlung Organon[1], die mehrere Abhandlungen zur Logik enthält.
Aus zwei Prämissen kann eine neue Aussage abgeleitet werden:
(P1) Alle Menschen sind sterblich.
(P2) Sokrates ist ein Mensch.
(K) Sokrates ist sterblich.

Diese syllogistische Schlussfolgerung hat eine spezielle Form. Unter (P1) wird mit „Menschen“ ein Mittelbegriff, M genannt, und das Prädikat „sterblich“ distribuiert. Die Prämisse (P2) liefert mit „Sokrates“ das Subjekt und mit „Mensch ein Mittelbegriff. Die Konklusion (K) muss aus Subjekt und Prädikat bestehen. Aristoteles findet drei solcher Figuren – eine vierte wird später von einem anderen Philosophen hinzugefügt. Wer das genau war, ist umstritten. Vielleicht war der arabische Gelehrte Avicenna der erste, der die letzte Figur hinzu setzte.

Aristoteles unterscheidet zusätzlich den Grad des Beweises. Das heißt, geht es um einen allgemeinen Schluss, wie im Sokrates-Beispiel „Alle Menschen sind sterblich“, oder um einen partikulären. Das wäre z.B. „Einige Menschen heißen Sokrates“. Es handelt sich hierbei aber nicht um das umgangssprachliche „einige“, dass „einige, aber nicht alle“ bedeutet, sondern es schließt das „alle“ mit ein.

Es gibt nicht nur die bejahenden Aussagen, sondern auch verneinende. Beispielsweise „Kein Hund ist ein Philosoph“ oder „Einige Menschen heißen nicht Sokrates“.

Es hat sich eingebürgert, den vier Graden Zeichen zuzuordnen. Die „alle“-Aussagen werden mit „A“ bezeichnet; von affirmo aus dem lat. von „ich bejahe“. Die „kein“-Aussagen erhalten das „E“ von „nego“, „ich verneine“. Die „einige“-Aussagen erhalten das „I“, also den zweiten Vokal von affirmo und analog dazu die „einige nicht“-Aussagen das „O“, den zweiten Vokal von „nego“.

Apuleius (2. Jahrhundert) und Boethius (5. Jahrhundert) stellten die Beziehungen dieser Aussagearten in einer übersichtlichen Grafik dar, dem logischen Quadrat.

Logisches Quadrat. Im 20. Jahrhundert wurden logische Schwächen des Quadrats durch ein Hexagon behoben. (Abb. Wikimedia Commons, gemeinfrei, von Sebastian Wallroth)

In der Abbildung stehen sich „A“ und „O“, sowie „E“ und „I“ schräg gegenüber. Sie sind kontradiktorisch, widersprechen sich also. „I“ ist in „A“ enthalten und „O“ in „E“. Es kann weder „A“ noch „E“ sein. Oder „I“ und „O“.

Die vier Grade können schließlich den vier Figuren zugeordnet werden. Insgesamt gibt es 24 unterschiedliche Modi.


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[1]Das Organon wurde nicht von Aristoteles selbst zusammengestellt, sondern von byzantinischen Gelehrten.

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