Das Wissen bei Platon

Wikimedia Commons - Marie-Lan Nguyen

Platon entwickelte die pythagoreische Philosophie weiter, indem er eine Zweiweltenlehre aufstellte. Er unterscheidet die Welt, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, von der dahinter liegenden Welt, die nur mit dem Verstand aufgefasst werden kann.

In seinem Dialog „Der Staat“ erläutert Platon dieses Konzept. Dort diskutiert Sokrates mit mehreren Gesprächspartnern über das Wesen der Gerechtigkeit und durchstreift dabei die wichtigsten Teilgebiete der Philosophie. Während in den frühen Werken Platons wahrscheinlich der authentische Sokrates dargestellt wird, scheint in der mittleren Periode, zu der „Der Staat“ gehört, die Figur des Sokrates die Lehren Platons auszudrücken.

In dem Dialog werden drei Gleichnisse erzählt, die für die Erkenntnistheorie von besonderer Bedeutung sind.

Im Sonnengleichnis wird die Sonne als das Abbild des Guten bestimmt. Daher lässt sich eine Analogie ziehen: Wie das Gute in der durch Vernunft erkennbaren Welt wirkt, so verhält sich die Sonne in Bezug auf die sichtbaren Gegenstände. Was im Licht der Sonne liegt, ist sichtbar. Alles was im Dunklen liegt, bleibt dem Auge verborgen. Das lässt sich auf das Gute übertragen: Dass was sich im Schein des Guten befindet, ist das Seiende. Das Gute verbindet Subjekt und Objekt. Solange die Dinge nicht im Licht des Guten wahrgenommen werden, bleiben sie nicht erkennbar, weil sie nur als falsche Erscheinungen aufgenommen werden. Die Wahrheit entspringt dem Guten. Im Schatten davon liegt das Werdende und Vergehende. Der Geist tappt hier im Dunkeln, wie das Auge beinahe blind in der Abwesenheit von Licht wird.

Durch das Liniengleichnis wird die Struktur der platonischen Erkenntnistheorie komplett deutlich. Eine Linie wird in vier Abschnitte unterteilt. Jeder Abschnitt steht für eine andere Erkenntnisweise. Von unten nach oben nimmt die Deutlichkeit der Erkenntnis zu.

Bild: Leif Czerny, Wikimedia Commons

In den unteren beiden Bereichen finden sich die Objekte, die über die Sinne wahrgenommen werden. Auf dieser Ebene ist keine Erkenntnis möglich, es gibt nur Meinung. Dinge werden ungenau wahrgenommen werden oder werden als Einzeldinge betrachtet. Hier finden sich die realen Objekte, wie Tiere oder Gegenstände. Im untersten Abschnitt sind die Abbilder dieser Objekte, wie Schatten und Spiegelbilder. Sie sind undeutlicher, da die Sinneswahrnehmung eingeschränkt ist. In den beiden oberen Stufen ist erst Erkenntnis möglich. Dort finden sich die mathematischen Gegenstände, wie Zahlen und Figuren und an oberster Stelle die Ideen.

Die Mathematik geht über die sinnliche Erfahrung hinaus. Sie bedient sich des Verstandes und bildet nicht nur die Realität nach, sondern kann auch perfekte Strukturen beschreiben, die in der Welt nicht vorkommen.
Der Verstand kann zwar ideale geometrische Figuren erschaffen, doch er ist nicht frei. Er benötigt Prämissen und Gestaltungsgesetze. Erst durch die Vernunft kann die höchste Stufe der Erkenntnis erklommen werden. Sie richtet sich auf die unveränderlichen Ideen. Die Methode dahin ist die Dialektik, die auf Abbilder als Hilfsmittel verzichtet.


Das letzte und bekannteste der drei Gleichnisse ist das Höhlengleichnis
In einer düsteren Höhle leben Menschen, die von Geburt an gefesselt sind. Es führt nur ein Weg heraus, der ihnen unbekannt ist. Sie sind so fixiert, dass sie nur nach vorne an die Wand blicken können. Weit hinter ihnen brennt ein Feuer, das die Gefesselten nicht erblicken können. Sie sehen nur die Schatten, die an die Wand geworfen werden. Zwischen ihnen und dem Feuer ist eine kleine Mauer. Dahinter werden Gegenstände aus Holz und Stein von Trägern transportiert, so dass sie über die Mauer herausragen und Schatten an die Höhlenwand werfen. Für die Gefesselten sind diese Schatten die Wirklichkeit. Sie machen sich Gedanken über sie und preisen denjenigen, der die tiefsten Gedanken über sie macht.
Wenn nun ein Gefangener von seinen Fesseln befreit werden würde, würde er sich anfangs weigern, den beschwerlichen Weg in die Freiheit zu wagen. Denn in der Helligkeit könnte er anfangs nicht sehen und an seinem alten Platz zu verharren wäre bequemer.
Zwänge man ihn aus der Höhle hinaus zu treten, würden zunächst seine Augen aufgrund der Helligkeit schmerzen, doch er würde sich daran gewöhnen und könnte nach und nach mehr wahrnehmen. Anfangs würde er nur die augenschonende Spiegelung von Personen und Gegenständen auf Wasserflächen sehen wollen, später dann die realen Gegenstücke. Und schließlich würde er den Blick an den Tageshimmel wagen, um die Sonne in all ihrer Helligkeit zu betrachten. Er würde erkennen, dass der Schatten erst durch das Licht entsteht.
Müsste nun diese Person wieder hinabsteigen, dann bräuchten seine Augen eine lange Zeit, um sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Gefangenen würden seine Erzählungen nicht glauben und ihn für einen „Geblendeten“ halten. Sie würden sich dagegen wehren, befreit zu werden, vielleicht würden sie dabei sogar nicht davor zurückschrecken ihn umzubringen.
Trotz dieser Gefahr ist es für Platon die Aufgabe des Philosophen, die höchste Form der Erkenntnis zu erlangen und damit der Menschheit zu dienen. Ähnlich wie seine Augen sich beim Aufstieg an die Helligkeit gewöhnten, muss er lernen, in die Finsternis beim Absteigen zu schauen.

Ebenfalls in seiner mittleren Schaffensperiode und einige Jahre nach dem Tod des Protagoras schrieb Platon den Dialog „Theaitetos“. Dort unterhält sich Sokrates mit dem namensgebenden Theaitetos über das Wesen des Wissens (ἐπιστήμη). Allerdings darf man hier keine vollständig durchdachte und strukturierte Erkenntnistheorie erwarten.

Theaitetos wird in späteren Jahren ein herausragender Mathematiker werden. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er ein zurückhaltender, junger Bursche, der den Ideen des Protagoras nahe steht. Sokrates möchte ihn über Fragen dazu zu bringen, eigenständig das Wesen des Wissens aufzudecken. Analog zu einer Hebamme versucht er seinem Gegenüber bei der Geburt neuer Gedanken und der Beurteilung der neuen Ideen zu unterstützen. Das gefährliche beim philosophischen Geburtshelfen ist, dass auch falsche Ansichten hervorgebracht werden können. Vorsicht ist also geboten!
Der junge Philosoph unternimmt mehrere Anläufe das Wissen zu definieren. Anfangs verharrt er im Konkreten und sagt:

”Ich glaube also, daß sowohl dasjenige, was jemand vom Theodoros [Lehrer des Theaitetos] lernen kann, Erkenntnisse sind, die Meßkunst nämlich und die andern, welche du jetzt eben genannt hast, als auch auf der andern Seite die Schuhmacherkunst und die Künste der übrigen Handwerker scheinen mir alle und jede nichts anders zu sein als Erkenntnis.“ (Theaitetos, 569)

Sokrates verwirft diesen Ansatz. Er möchte nicht wissen, wovon es Erkenntnis gäbe, sondern er möchte die Erkenntnis selbst begreifen.
Im zweiten Versuch definiert Theaitetos Erkenntnis als Wahrnehmung. (Theaitetos, 625) Damit begibt sich der junge Mathmatiker auf die Spuren des Protagoras. Sokrates entschärft diese These mit einem Blick auf den Traum. Wenn wir etwas wahrnehmen, dann haben wir kein Kriterium dafür in der Hand, ob wir es tatsächlich wahrnehmen oder es nicht bloß träumen oder halluzinieren.

Die Relativität der Wahrnehmung ist ebenfalls ein Problem. Was für den einen falsch erscheint, ist für den anderen richtig. Letztlich wird im Alltag aber dem Rat des Experten vertraut, was die Gleichwertigkeit der verschiedenen Meinungen widerspricht.

Zusammen entwickeln die beiden die nächste These: Erkenntnis ist zutreffende Meinung. Sokrates versteht unter Meinungsbildung einen inneren Dialog, der die möglichen Argumente bejaht und verneint und so zu einer Meinung führt.

Sokrates vergleicht Seelen mit einem Wachsblock. Sie werden durch die Eindrücke geprägt, ähnlich wie ein Siegelabdruck. (Theaitetos, 635)

Je nach Qualität des Wachses und der Intensität des Eindrucks unterscheiden sich die Prägungen. Undeutliche Spuren führen zu Verwechslungen und Irrtümern.

Doch der Philosoph erkennt selbst, dass es möglich ist, sich ohne Wahrnehmung nur im Gedanken zu irren, beispielsweise wenn man sich verrechnet. Daher bestimmt er nun Wissen nicht als den Besitz, sondern als das Haben von Wissen.

Dazu führt er das Gleichnis von einem Taubenschlag auf. (Theaitetos, 641) Wer in einem solchen Käfig viele Vögel eingesperrt hat, besitzt sie, aber wenn er auf sie zugreifen möchte, muss er das betreffende Tier erst mal fangen und kann sich dabei vergreifen. So verhält es sich auch mit dem Wissen. Der Mensch hat es, oft ohne es zu wissen. Wenn er darauf zugreifen möchte, muss er einen Aufwand betreiben und es kann dabei passieren, dass er sich vergreift und Irrtum dabei entsteht.

Doch hier entsteht das nächste Problem. Wie weiß einer, dass er nicht weiß?

Könnte Wissen als wahre Meinung plus Erklärung das Problem lösen? Dinge sind zusammengesetzt und man könnte versuchen, anhand der einzelnen Elemente eine Erklärung zu konstruieren. Allerdings ist ein Ding wiederum mehr als seine Einzelteile.
Am Ende können nicht alle Fragen geklärt werden und das Wesen des Wissens bleibt weiterhin nebulös.

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