Die Scholastiker

Notre-Dame

Seit Ptolemäus hatte die astronomische Wissenschaft keine großen Sprünge gemacht: In Europa hatte sie lange Zeit nicht die höchste Priorität. Und in der arabischen Kultur stieß die Forschung an strukturelle Grenzen. Dort gab es wechselnde Machtzentren, die mal hier und mal da für eine kulturelle Hochphase sorgten. Es gab keine Universitäten mit standardisiertem wissenschaftlichen Curriculum und Astronomie hatte im Bildungssystem oft keinen hohen Stellenwert. Zudem besaßen die Werke des Aristoteles eine enorme Autorität, mit der Folge, dass die damit verknüpfte griechische Kosmologie kaum kritisch hinterfragt wurde.
Erst ab dem 12. Jahrhundert wurden in Europa die antiken Autoren, zumeist über den Umweg über den arabischen Raum, wiederentdeckt. Die Schriften von Ptolemäus, Euklid, Aristoteles und vielen Weiteren wurden aus dem Arabischen und später auch aus dem Griechischen in das Lateinische übersetzt, das im Mittelalter zur Universalsprache der Gelehrten wurde.

Die scholastischen Denker bewunderten nicht nur die Werke der alten Meister, sie hinterfragten sie auch. Johannes Buridan war im 14. Jahrhundert Professor an der Pariser Universität und kritisierte die aristotelische Bewegungslehre. Aristoteles führt zwei mögliche Gründe an, warum Wurfgeschosse weiter fliegen, nachdem sie die Hand verlassen haben:

  • „infolge von wechselseitigem Sich-Umstellen (von Luftteilen und dem Geschosskörper)“
  • „infolge davon, daß die einmal angestoßene Luft eine Stoßbewegung weitergibt, die schneller ist als die Bewegung des abgestoßenen (Geschosses), mittels der es zu seinem angestammten Ort sich hinbewegt.“

Buridan setzt Alltagsbeispiele dagegen: Ein doppelspitziger Speer fliegt genauso weit, wie einer mit einer Spitze, obwohl der von der Luft nicht nach vorne gedrückt werden kann. Auch ein Schiff, das den Antrieb verloren hat, bewegt sich nach vorne, auch wenn der Wind spürbar dagegen hält. Der scholastische Philosoph entwickelt daher den Impetus-Begriff, der im Zusammenhang mit der Geschwindigkeit und der Masse stand. Damit kommt der Impetusbegriff dem heute verwandten Impuls (m*v) nahe, auch wenn Buridan das Konzept aus einer anderen Denkweise entwickelte. Diese Theorie ist auf zwei Weisen wichtig und innovativ: Sie trägt zum einen den „Kern des Trägheitsgesetztes“ in sich und zum anderen sieht Buridan den Impetus auch bei den himmlischen Dingen wirken, d.h. er setzt Irdisches und Himmlisches gleich.

Mittelalterliche Darstellung von Nicola d’Oresme (von: Wikimedia, gemeinfrei)

Ein Zeitgenosse Buridans war der Theologe Nicole d’Oresme, der als Bischof in der Kirche eine wichtige Rolle einnahm. Während Buridan sich auf die Kommentierung von Texten des Aristoteles spezialisierte, äußerte sich d‘Oresme zu einer Vielzahl von Themen. Er beschäftigte sich mit den Werken des griechischen Philosophen, verfasste aber auch eine Vielzahl an eigenständigen Arbeiten über Theologie, Mathematik, Physik, Kosmologie, Magie, Geld und die Verfehlungen der Astrologie.

Er wurde mit seinen naturwissenschaftlichen Ideen zu einem der bedeutendsten Gelehrten der Scholastik. Auch er griff die Lehre des Aristoteles an, indem er die Möglichkeit einer sich drehenden Erde herleitete. Das sei nicht auszuschließen, denn Beobachter können nur Relativbewegungen wahrnehmen. Das führt er an einem Beispiel aus: wenn heute die Erde ruhen würde und der Himmel sich bewegt, und es morgen umgekehrt wäre, würde der Betrachter von der Erde aus keinen Unterschied bemerken. Er zieht das Buch der Perspektive von Witelo heran, der darauf hinweist, dass eine Bewegung erst dann wahrgenommen werden kann, wenn ein Körper in Bezug zu einem anderen eine veränderte Stellung einnimmt. Das Gegenargument, dass auf einer rotierenden Erde starke Winde zu spüren sein müsste, wies er mit der Begründung ab, dass sich die Atmosphäre mit dreht. Der Kirchenmann d’Oresme sieht seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht im Konflikt mit der Bibel, denn die ist für ihn eine Sammlung von Gleichnissen, die nicht wortwörtlich zu lesen sind.

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