Philosophen in Athen

Im 4. und 5. Jahrhundert v. Chr. fand sich in Griechenland eine ungeheure gesellschaftliche Dynamik. Die vielen kleinen Stadtstaaten des griechischen Mutterlandes und der ägäischen Inselwelt standen im Wettkampf und übertrumpften sich mit neuen Ideen in allen Bereichen. Führend war Athen, das durch die Vorherrschaft im Delisch-Attischen Seebund besonders viel Geld in seinen Kassen hatte und gute Erfahrungen mit innovativem Vorgehen gemacht hatte. Es entstanden prunkvolle Bauten, wie der Marmor-Tempel des Hephaistos auf dem Agoraios-Hügel. Künstler, Philosophen und Wissenschaftler aus aller Welt wurden in die Stadt gelockt und suchten in dieser Polis den Austausch. Verglichen mit heutigen Großstädten war die Atmosphäre dennoch familiär. Die Anzahl der Bewohner überstieg wohl nie 150.000.

Unter dem Schatten der Akropolis lehrten gleich mehrere berühmte Denker. Sokrates, Platon und Aristoteles sollen an dieser Stelle genauer vorgestellt werden, da sie nachhaltigen Einfluss auf die Philosophie und die Wissenschaften ausübten.

Sokrates war der Lehrer Platons und sein Wirken ist in erster Linie durch dessen Dialoge überliefert. Er war bekannt dafür, durch die Gassen Athens zu schlürfen und Bürger in Gespräche zu verwickeln, die oft mit einer allseitigen Ratlosigkeit endeten. Nicht jeder fand Gefallen an diesen Diskussionen. Der Komödiendichter Aristophanes schrieb das Theaterstück „Die Wolken“, in dem er die hochtrabenden Debatten der Philosophen als bloßen Dampf darstellte. Sokrates wird als jemand gezeigt, der die Sprungweite von Flöhen misst. Viele Zeitgenossen mögen dem zugestimmt haben, doch Sokrates wurde mit seinem kritischen Denken ein Vorbild für viele Philosophen. Mit den Naturwissenschaften beschäftigte er sich nicht viel, sein Thema war der Mensch. Daher wird er uns erst in einem späteren Kapitel wieder begegnen, wenn es darum geht, was man wissen kann.

Dadurch, dass er Zweifel an allem und jeden wecken konnte, geriet er in Verdacht, er sei gottlos und verderbe die Jugend. Die Vorwürfe gipfelten in einer Anklage. Sokrates beharrte im Prozess darauf, dass er nichts Unrechtes getan hätte. Als er nach dem Schuldspruch und vor der Entscheidung des Strafmaßes öffentlich forderte, er verdiene eine Speisung im Prytaneion, die als besondere Ehre für große Verdienste gewährt wurde, brachte er die Menge gegen sich auf und wurde zum Tode verurteilt. Er musste einen Schierlingsbecher leeren und starb an Vergiftung.

Einer der Schüler des Sokrates war Platon. Er kaufte einen Olivenhain im Nordwesten von Athen, der nach dem Heros Akademos benannt war. Auf dem Grundstück am Hain baute Platon seine Schule, die einfach nach der Lokalität „Akademie“ genannt wurde. Neben seinem Wohnhaus errichtete er gleich mehrere Gebäude auf dem Gelände. Im Süden des Anwesens baute er eine eindrucksvolle Bibliothek, die über einen großen Lesesaal für ungefähr 40 Personen verfügte. Die einzelnen Arbeitsplätze waren aufwendig gestaltet. Sie bestanden aus gemauerten Sockeln und verfügten über Arbeitsplatten, auf der die Papyrusrollen ausgerollt werden konnten. Der Hain diente als philosophischer Garten und bot den Philosophen die Möglichkeit abseits des Trubels in Gedanken zu versinken oder ruhige Gespräche zu führen.

Die Bildungseinrichtung sollte über eine lange Zeit bestehen und viele namhafte Philosophen aus dem gesamten Mittelmeerraum anlocken. Das Leben an der Akademie war vielfältig. Neben abgeschlossenen Gesprächen im kleinen Kreis und philosophischen Unterweisungen im Garten, gab es größere Vorträge bei denen auch interessierte Bürger aus der Stadt anwesend waren.

Die Themen, die an der Akademie besprochen wurden, waren vielfältig: Erkenntnistheorie, Ethik, Politik und vielen weiteren Dingen standen zur Diskussion. Platon war durchaus tolerant und akzeptierte, wenn seine Schüler eine völlig andere Ansicht vertraten.

Ein weiterer bedeutender Philosoph, Aristoteles, war ein Schüler des Platon. Er kam aus Stageira, einer kleinen Stadt auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidike, dass nicht weit entfernt vom mächtiger werdenden Königreich Makedonien lag. Gleich nach seiner Ankunft in Athen wird es ihn zur Akademie Platons gezogen haben. Dort brachte er sich aktiv ein und schrieb eine Reihe von Dialogen. In Schriftenverzeichnissen sind 18 oder 19 Dialoge aufgeführt. Ähnlich wie bei den anderen Platon-Schülern sind diese nicht erhalten geblieben. Nur über andere antike Autoren und kleinen Fragmenten ist überhaupt etwas über die Schriften bekannt. Bei Cicero erfährt man einiges zur Methodik: Im Gegensatz zu Platon trat Aristoteles selbst in seinen Dialogen auf. Ein weiteres Merkmal war das Aufeinandertreffen von Rede und Gegenrede konträrer Meinungen.

Als 347 v. Chr. Platon im Alter von 80 Jahren verstarb, verließ Aristoteles Athen. Es bildete sich die Legende, dass er das aus Frust tat, da ihm nicht die Nachfolge als Leiter der Akademie zugetragen worden ist. Allerdings ist dies unwahrscheinlich. Zum einen war es gesellschaftliche Konvention, dass Platon die Akademie an seinen engsten Verwandten dort vererbte und zum anderen bildete sich in Athen eine anti-makedonische Stimmung und neben Aristoteles verließen auch andere Ausländer die Stadt.

Die nächste geschichtsträchtige Episode seines Lebens führte Aristoteles nach Makedonien. Dort unterrichtete er den jungen Alexander, der später als Alexander der Große seine Armeen bis nach Indien führte. Nach dem Historiker Plutarch wurde der Unterricht in einer Nymphengrotte abgehalten und weckt damit Analogien zu Achilles, dem Helden der Ilias, der ebenfalls an einem solchen Ort von dem Kentauren Cheiron erzogen wurde. Wie viel Einfluss Aristoteles tatsächlich auf Alexander ausübte, ist nicht genau bekannt. Es spricht einiges dafür, dass er nicht als Vollzeitlehrer tätig war, da sein Gefährte aus alten Athener Tagen, Theophrast, in Stageira weilte und dort biologischen Studien nachging, die wahrscheinlich von Aristoteles unterstützt wurden.

Aristoteles
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

Nachdem König Philip von Makedonien im Jahre 336 v. Chr. ermordet wurde, übernahm sein Sohn Alexander das Kommando und führte bereits einige Monate später einen Schlag gegen das aufständische Theben, der mit der Zerstörung der Stadt endete. In Athen begann ein Umdenken:  Der alte Erzfeind Philipp war tot und gegen Alexander wäre Widerstand zwecklos gewesen. Vor allem das Schicksal Thebens wirkte abschreckend. Es war an der Zeit, die antimakedonische Stimmung zu überdenken.

So konnte Aristoteles, der das geistig anregende Leben der griechischen Metropole vermisste, zurückkehren. Dieses Mal führte er eine eigene Schule östlich der Akropolis auf dem Gebiet des Lykeion, das seinen Namen aufgrund der dort aufgestellten Wolfskopf-Statuen erhielt; „Lykós“ ist altgriechisch für „Wolf“. Auf dem Gelände befanden sich mehrere Schulen. Auch Theophrast unterrichtete hier, der aus verwaltungstechnischen Gründen der Eigentümer des gesamten Komplexes war.

Die Schule des Aristoteles wurde „Peripatos“ genannt. Übersetzt bedeutet das „Wandelhalle“ und weist auf den Ort hin, an dem der Unterricht stattfand. Hier befand sich auch die Bibliothek, die als die größte private Büchersammlung in Athen galt. Durch den Zugriff auf die Werke anderer Gelehrter war Aristoteles in der Lage, den jeweiligen Stand der Forschung zu verfolgen und an seine Schüler weiter zu geben.

Die heute bekannten, vollständigen Werke sind interne Schriften seiner Schule, die Dialoge, die sich an die Öffentlichkeit richteten sind verloren gegangen. Dennoch ist eine große Menge an Büchern überliefert, da Aristoteles ungeheuer produktiv war. Obwohl er zwanzig Jahre kürzer als Platon lebte, schrieb er fast doppelt so viele Werke. Seine große Leistung war die Verwissenschaftlichung der Philosophie durch Systematisierung. Man könnte Aristoteles als den ersten Wissenschaftler bezeichnen.

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