Sternbeobachtungen in Babylon

Die beiden unzähmbaren Flüsse Euphrat und Tigris wechselten häufig ihren Lauf und ließen mal hier und mal da Machtzentren entstehen. Eines davon war das sagenumwobene Babylon. Der Ursprung der Stadt reicht bis in das 3. Jahrtausend vor der Zeitenwende zurück. Allerdings blieb Babylon lange Zeit unbedeutend und wurde erst ab der Regierungszeit König Hammurabis, von 1792 bis 1750 v. Chr., der wichtigste Ort der Region. Seine Eroberungszüge sicherten die Vorherrschaft im nördlichen Irak. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde Babylons Stellung durch außergewöhnliche Ereignisse gefestigt. Nachdem Hammurabis Sohn das Zepter übernahm, setzte eine Fluchtbewegung aus dem Süden ein. Menschen verließen in Massen die alten Metropolen wie Ur, Uruk und Larsa und suchten eine neue Heimat. Die Gründe dafür sind heute unbekannt. Die Folge war, dass Babylon zum kulturellen Zentrum im Zweistromland aufstieg und es für lange Zeit blieb.

Die Großstadt am Euphrat wurde weit über die eigenen Grenzen bekannt und viele Legenden rankten sich um sie.

Einen Höhepunkt erlebte Babylon im 6. Jahrhundert v. Chr. Ein Besucher in dieser Epoche konnte die Stadt über das blaue, hochaufragende Ishtar-Tor betreten. Hier waren selbst die mit goldenen Löwen verzierten Stadtmauern prunkvoll. Nach dem griechischen Historiker Herodot befanden sich in Babylon die berühmten hängenden Gärten, die er zu einem Weltwunder erklärte. König Nebukadnezar II. (640-562 v. Chr.) könnte der Erbauer gewesen sein, da seine Gemahlin sich nach Wäldern und Bergen gesehnt haben soll.

Schon von weitem war die Zikkurat der Stadt zu sehen. Zikkurate sind gestufte Tempelhügel, die in vielen Städten des Zweistromlandes gebaut wurden. Auf der planen Anhöhe stand ein Kultgebäude zu Ehren des Gottes Marduk, der im blutigen babylonischen Schöfpungsmythos die Hauptfigur ist.

Diesem Mythos nach trugen Himmel und Erde zu Anfang keinen Namen. Es gab nur zwei Götter: Apsu war der Gott der Urgewässer unter der Erde und Tiamat war die Göttin der Meere. Sie zeugten vier Generationen von Göttern. Doch es herrschte wenig Harmonie. Die jungen Götter lärmten zu sehr und störten damit ihre Eltern. Der um seines Schlafes beraubte Apsu fasste den drastischen Entschluss, seine Nachkommen umzubringen. Doch der Regen- und Wassergott Ea erfuhr davon und ließ Apsu in einen tiefen Schlaf fallen, um ihn zu töten. Anschließend erschufen er und seine Frau Daminka den Gott Marduk. Die nach Rache sinnende Tiamat blieb ebenfalls nicht untätig und kreierte furchterregende Monster, wie eine gehörnte Schlange, einen löwenköpfigen Dämonen, einen Skorpionmann und einen Schlangendrachen. Doch Marduk zeigte sich im Kampf gegen diese Geschöpfe überlegen.

Marduk kämpft gegen das Monster Anzu

Schließlich kam es zu einem finalen, brutalen Kampf zwischen Marduk und Tiamat, der detailiert im Mythos erzählt wird. Marduk zertrampelte den Unterleib Tiamats und zerschmetterte mit seiner Keule den Schädel. Den Körper zerschnitt er in zwei Hälften, so wie ein Fisch zerlegt wird. Aus der einen Hälfte schuf Marduk den Himmel aus der anderen den Erdboden. Anschließend ordnete er das Universum: er gab den Monaten ihre Namen und teilte ihnen jeweils drei Sterne zu, die den Göttern als Podest dienen sollten. Er ließ den Halbmond erscheinen, „das Juwel der Nacht […], das die Tage bezeichnet“. Aus Tiamats Speichel formte er die Wolken, Wind und Regen. Ihr Gift wurde zum Nebel. Aus den Augen ließ er die beiden Flüsse Euphrat und Tigris entspringen. Quingu, der Liebhaber der Tiamat und Anführer des Monsterheeres, wurde getötet und aus seinem Blut die Menschheit geschaffen.

Die Menschen sollten die Arbeit verrichten, so dass die Götter sich der Muße hingeben können. Als letzen Akt trieb Marduk den Bau Babylons voran. Nachdem die Götter in aufwendiger Arbeit die Stadt aus Schlammziegeln erbauten und die Zikkurat mit dem Schrein aufgestellt hatten, feierten sie ein großes Fest und krönten Marduk zu ihrem König.

Aufgrund dieses Mythos hatte die Himmelsbeobachtung in Babylon von Anfang an eine religiöse Dimension. Astronomie wurde nicht nur rein beschreibend betrieben, sondern war mit Elementen von Zahlenmystizismus, Magie und Astrologie durchzogen. Den Gestirnen wurde zwar keine direkte Wirkung auf die Geschehnisse der Erde zugesprochen, doch der Blick in den Himmel sollte Hinweise auf große Ereignisse freilegen. Der Fixsternhimmel wurde daher genau beobachtet und die Positionsveränderungen der Sterne wurden in ihrem Jahresverlauf genau registriert. Damit wurden astronomische Vorhersagen über Auf- und Untergänge sowie von Kulminationspunkten möglich.

Ein Dokument aus dem Esagila-Tempel aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. berichtet, dass für 14 Astronomen Essensrationen bereit gestellt wurden. Diese erstaunlich große Anzahl lässt erkennen, mit wie viel Aufwand der Himmel analysiert wurde.

In der Astrologie wurden dementsprechend große Datenmengen produziert. Die Omen wurden verzeichnet und in kanonisierter Form in der ganzen Region genutzt. Die endgültige Fassung wurde bis zum Jahr 1000 v. Chr. fertiggestellt und verfügte über ungefähr 7000 verschiedene Omen.

Die fünf mit den Augen sichtbaren Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn waren den Mesopotamiern bekannt. Sie meisterten sogar die Schwierigkeit, die Planeten, die von der Erde aus gesehen auf den inneren Umlaufbahnen um die Sonne liegen, richtig zu identifizieren. Das ist nicht so einfach, da Venus und Merkur nur in der Abenddämmerung und beim Sonnenaufgang gesehen werden können. Die restliche Zeit sind sie von der Erde aus kaum wahrnehmbar, da das Tageslicht den Lauf von Planeten und Sterne hinter einen Schleier aus gestreutem Licht versteckt. Daher erkannten viele alte Kulturen nicht, dass die morgens und abends auftauchenden Planeten dieselben sind.[1]

Dass die Babylonier aus astrologischen Gründen über genaue Aufzeichnungen der Himmelskonstellationen verfügten, ist verständlich. Doch sie machten einen weiteren Schritt und entwickelten mathematische Systeme zur Beschreibung der Phänomene. Die Läufe von Mond, Sonne und Venus konnten mit Hilfe von arithmetischen Folgen vorhergesagt werden.

Das noch heute bekannte Konzept der Tierkreiszeichen wurde wahrscheinlich aus Ägypten kommend in Babylon weiterentwickelt. Im Verlaufe des Jahres scheint die Sonne den Fixsternhimmel zu durchwandern und legt dabei eine 360°-Umdrehung zurück. Die antiken Astronomen teilten diesen Weg in 12 Zonen zu 30° und benannten die jeweiligen Sternenkonstellationen nach den noch heute gebräuchlichen Figuren.

Obwohl die Babylonier den Himmel genau erfassen und mathematisch beschreiben konnten, entwickelten sie keine kosmologischen Theorien. Hier könnte sich die Frage stellen, ob es nicht eine nicht überlieferte, geheime und tiefe Wissenschaft gegeben haben könnte. Allerdings müssten diese Kenntnisse auch an anderer Stelle durchschimmern. So wie der heutige Stand der Forschung nicht nur in Fachbüchern, sondern in einem breiten Spektrum an Dokumenten sichtbar wird – von technischen Anleitungen bis hin zu juristischen Kommentaren.

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[1] So hielten die frühen Griechen die Venus für zwei Planeten: Eosphoros (Morgenstern) und Hesperos (Abendstern). Die Entdeckung, dass es sich dabei um einen Planeten handelte, brachte ein Problem mit sich. Die Griechen verbanden mit den Sternen mythische Figuren und die Folge waren Inkonsistenzen bei den Legenden.

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